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Fonds im Fokus: (4) Nachhaltige ETFs: Green oder Greenwashing? [Teil I]

Fonds Im Fokus: (4) Nachhaltige ETFs: Green Oder Greenwashing? [Teil I]

Bild: © n.v.

Im Fokus stehen diesmal keine Einzelfonds, sondern eine Reihe von ESG (Environment, Social, Governance) oder SRI (Socially Responsible Investing) Indizes, die von als nachhaltig vermarkteten Exchange Traded Funds (ETFs) nachbildet werden. In diesem ersten Teil analysieren wir die Kriterien zur Auswahl von Unternehmen, die den ETFs zugrunde liegen. In Teil 2 untersuchen wir die Beteiligungen der Fonds.

Was sind ETFs und warum sind sie relevant?

Ein ETF ist ein börsengehandelter, in der Regel passiv verwalteter Indexfonds. Das heißt, dass ein ETF die Wertentwicklung eines Index durch Investments nachbildet und dazu in der Regel die Titel (Anleihen, Aktien, o.ä.) in dem Verhältnis kauft, in dem sie in dem zugrundeliegenden Index vertreten sind. (Diese Nachbildung kann auch durch alternative Anlageformen (z.B. Derivate) erfolgen.)

ETFs erfahren als Anlageinstrument starken Zuspruch. So wurden 2019 insgesamt 870 Mrd. Euro am europäischen Markt in ETFs verwaltet, wobei eine Steigerung von 107 Mrd. Euro gegenüber 2018 zu verzeichnen war.

Im Vergleich zu aktiv gemangten Investmentfonds sind ETFs beliebter: 59% der gesamten Nettozuflüsse wurden im ETF-Bereich getätigt. Insbesondere die niedrigen Kosten (durchschnittliche Verwaltungsgebühr von 0,35-0,5% vs. 0,8-2% bei klassischen Fonds) und die besondere Möglichkeit, die Marktrisiken von Aktien und Anleihen durch eine breite Streuung (Diversifikation) zu minimieren, tragen zur steigenden Beliebtheit bei.

Auch dass das Thema Nachhaltigkeit für Anleger*Innen immer wichtiger wird, spiegelt sich in den Zahlen wider. 16,5 Mrd. Euro, also 15% der oben genannten Nettozuflüsse im ETF-Bereich, wurden neu in nachhaltige bzw. ESG-konforme ETFs investiert.

Wie nachhaltig sind „nachhaltige“ ETFs?

Um ETFs aus einer Nachhaltigkeitsperspektive bewerten zu können, müssen die zugrundeliegenden Indizes begutachtet werden. Es gibt eine Vielzahl an ESG oder SRI-Indizes: nachhaltiges-investment.org listet ca. 40 Nachhaltigkeitsindizes, justetf.com führt 28 auf. Die Marktführer iShares, Lyxor, X-Trackers etc. verwenden allerdings hauptsächlich Indizes von MSCI. Das von MSCI angebotene Portfolio von Nachhaltigkeitsindizes umfasst circa 24 ‚ESG-Indizes‘. Hinzu kommt eine Vielzahl an sog. ‚Sub-Indizes‘, die die Methodologie und Kriterien des ausgewählten Index noch weiter einschränken können. Grundlegend basiert ein MSCI Index auf einem ‚Parent Index‘ (=Ausgangsindex). Dieser Ausgangsindex wird durch alle nachfolgenden ESG-Indizes und Sub-Indizes bzgl. Auswahl- und Ausschlusskriterien eingeschränkt. Die Indizes (auch anderer Anbieter) unterscheiden sich generell in ihrer Zusammensetzung des Portfolios anhand

  • regionaler (global vs. regional) oder branchenspezifischer Ausrichtung,
  • der Größe der einbezogenen Unternehmen und
  • der ESG-Dimensionen, die bei der Auswahl der Aktien und Anleihen berücksichtigt werden.

Wir haben uns die Indizes näher angeschaut, die durch einen ETF in unserer Datenbank vertreten sind, und die jeweiligen Anlagerichtlinien anhand der Positiv- (Auswahl-) und Ausschlusskriterien analysiert. Auch die ETFs in unserer Datenbank bilden am häufigsten Indizes von MSCI ab.

Unsere Schlussfolgerung vorab: Aufgrund der Breite der Investments in eine Vielzahl von Branchen ohne ausreichende Ausschlüsse von Unternehmen sehen wir auch nachhaltige ETFs kritisch. Auch für Indizes und die abgeleiteten ETFs gilt: je umfangreicher die Auswahlkriterien formuliert sind, desto besser werden soziale und ökologische Kriterien einbezogen. Natürlich sollte jede*r aber für sich entscheiden, welche Kriterien dem eigenen Nachhaltigkeits-Verständnis entsprechen.

Auswahlkriterien (Positivkriterien)

Fonds Index Auswahlkriterien Auschluss-kriterien
Deka Oekom Euro Nachhaltigkeit UCITS ETF Solactive Eurozone Sustainability Index Der ESG Research Provider, Oekom Research AG, ermittelt eine Auswahl an europäischen Unternehmen, die eine Reihe von ESG Kriterien erfüllen müssen und den „Prime“ Status beim „Oekom Rating“ haben müssen.

–> auf Basis der ermittelten Auswahl werden die 30 nach Marktkapitalisierung größten Unternehmen in den Index aufgenommen

Siehe A) in nachfolgender Tabelle
iShares Dow Jones Global Sustainability Screened UCITS ETF Dow Jones Sustainability World Enlarged Index ex Alcohol, Tobacco, Gambling, Armaments & Firearms and Adult Entertainment Index Die Basis des Index bildet eine Auswahl der 2.500 größten Unternehmen aus dem „S&P Global Broad Market Index (BMI)“. Aus diesem Anlageuniversum werden die besten 20% nach ökologischen und sozialen (ESG) Kriterien ausgewählt. Diese Auswahl entspricht dem sog. Parent Index „Dow Jones Sustainability World Enlarged“. Diese Form des „Best-In-Class“-Ansatzes wird durch Nachhaltigkeitsratings des Anbieters RobecoSAM durchgeführt. Der „Nachhaltigkeitsindex“ wird anschließend ermittelt unter Ausschluss von Tabak, Alkohol, Glücksspiel, Waffen und/oder Feuerwaffen (vgl. Ausschlusskriterien). Siehe B) in nachfolgender Tabelle
MSCI SRI Index

 

 

+ zusätzliche Kriterien innerhalb eines “Sub-Index”

Das diesem Index zugrundeliegende Anlageuniversum wird durch den „Parent Index“ bestimmt: MSCI World, MSCI Europe oder andere regionale Ausprägungen. Der MSCI World z.B. bildet die Wertentwicklung von über 1.600 Unternehmen in 23 Industrieländern nach. Der MSCI Europe umfasst über 400 Unternehmen aus 15 europäischen Industrieländern. Um für die Aufnahme in den MSCI-SRI-Index in Frage zu kommen, müssen Unternehmen ein MSCI-ESG-Rating von ‚A‘ oder höher aufweisen. Außerdem müssen Unternehmen einen gewissen MSCI ESG Controversies Score (4 von 10) aufweisen, sodass diejenigen Unternehmen ausgeschlossen werden, die in ernste Kontroversen im Bereich ESG verwickelt sind. Anschließend werden Werte-basierte Ausschlusskriterien (vgl. Ausschlusskriterien) angewendet und weitere „Sub-Indizes“ angeschlossen. Siehe C) in nachfolgender Tabelle
Xtrackers ESG MSCI Europe UCITS ETF 1C MSCI Europe Low Carbon SRI Leaders Index Die Auswahlkriterien des MSCI SRI werden angewendet.

Hinzu kommt, dass aus den Wertpapieren des in Frage kommenden Anlageuniversums Unternehmen mit geringem CO2-Risiko, d.h. Unternehmen mit geringer CO2-Emissionsintensität und geringen potenziellen Emissionen pro Dollar Marktkapitalisierung, für die Aufnahme in den Index ausgewählt werden.

Siehe C) + D) in nachfolgender Tabelle
Amundi MSCI Europe SRI UCITS ETF DR C

UBS ETF MSCI World Socially Resp UCITS (USD) Ad

MSCI SRI 5% Capped Index Dieser Index ist eine ‚gekappte‘ Version des MSCI World SRI Index (siehe entspr. Auswahlkriterien). Darin wird die Unternehmenskonzentration begrenzt, indem der Index das maximale Gewicht eines Unternehmens auf 5% festlegt. Siehe C) + E) in nachfolgender Tabelle
iShares MSCI Europe SRI UCITS ETF (Acc)

 

iShares MSCI World SRI UCITS ETF EUR Acc

MSCI SRI Select Reduced Fossil Fuels Index Es gelten dieselben Auswahlkriterien bzgl. Anlageuniversum, ESG-Rating und Controversies-Score wie beim MSCI SRI Index.

Es kommen allerdings neben Werte-basierten Ausschlusskriterien ebenfalls Klimawandel-basierte Ausschlusskriterien hinzu (vgl. Ausschlusskriterien).

Durch ein Gewichtungsverfahren strebt der Index eine Abdeckung von 25% des zugrunde liegenden „Parent Index“ an.

Siehe F) in nachfolgender Tabelle
iShares MSCI World ESG Screened UCITS ETF USD (Acc) MSCI ESG Screened Index Das diesem Index zugrundeliegende Anlageuniversum wird durch den „Parent Index“ bestimmt: MSCI World, MSCI Europe oder andere regionale Ausprägungen.

Ansonsten gelten die entsprechenden Ausschlusskriterien dieses Index (vgl. Ausschlusskriterien)

Siehe G) in nachfolgender Tabelle
iShares MSCI World ESG Enhanced UCITS ETF USD (Dist) MSCI ESG Enhanced Focus Index Das diesem Index zugrundeliegende Anlageuniversum wird durch den „Parent Index“ bestimmt: MSCI World, MSCI Europe oder andere regionale Ausprägungen.

Darüber hinaus spielen die jeweiligen ESG-Ratings eines Unternehmens in einem sog. ‚Optimierungsprozess‘ eine Rolle. Außerdem werden Maßstäbe zur Identifizierung von Risiken durch Treibhausgas-Emissionen mit einbezogen. Relevante Maßstäbe dabei sind CO2 Intensität (CO2-Emissionen / Umsatz) sowie potenzielle fossile Brennstoffreserven (potenzielle CO2 Emissionen aus Reserven des Unternehmens / Marktkapitalisierung).

Dadurch soll das Portfoliorisiko bzgl. CO2 und anderen Treibhausgasen um 30% im Vergleich zu dessen jeweiligen zugrundeliegenden „Parent Index“ reduziert werden.

Siehe H) in nachfolgender Tabelle
Lyxor MSCI EMU ESG Trend Leaders (DR) UCITS ETF-Ac

 

Lyxor MSCI World ESG Trend Leaders (DR) UCITS ETF

MSCI Select ESG Rating and Trend Leaders Index Das diesem Index zugrundeliegende Anlageuniversum wird durch den „Parent Index“ bestimmt: MSCI World, MSCI Europe oder andere regionale Ausprägungen.

Jedem dieser Unternehmen wird ein kombinierter ‚ESG-Score‘ zugewiesen, der unter Berücksichtigung des MSCI-ESG-Ratings des Unternehmens und seines MSCI-ESG-Rating-Trends berechnet wird. Sofern ein Unternehmen einen bestimmten kombinierten ESG-Score (=Rating * Trend; 0.75 von 2.5) sowie einen zusätzlichen Controversies-Score (2 von 10) nicht erreicht, wird dieses ausgeschlossen.

Zusätzlich gelten Werte-basierte Ausschlusskriterien (vgl. Ausschlusskriterien).

Die Zusammensetzung des Index wird anschließend ermittelt, indem die kombinierten ESG-Scores der Unternehmen je Sektor gerankt werden und die nach dem Ranking besten Werte ausgewählt werden, bis 50% der Marktkapitalisierung des „Parent Index“ erreicht werden.

Siehe I) in nachfolgender Tabelle
Amundi Index Equity Global Low Carbon UCTS ETFD-EC

 

Lyxor MSCI World Climate Change (DR) UCITS ETF Acc

MSCI Climate Change Index Das diesem Index zugrundeliegende Anlageuniversum wird durch den „Parent Index“ bestimmt: MSCI World, MSCI Europe oder andere regionale Ausprägungen.

Der MSCI Climate Change Index verwendet den sog. ‚MSCI Low Carbon Transition Score‘ und die ‚MSCI Low Carbon Transition-Kategorie‘ zur Neugewichtung der Unternehmen des ‚Parent Index‘. Das bedeutet, dass die Unternehmen des ‚Parent Index‘ auf der Grundlage von durch MSCI ermittelten Chancen und Risiken, die mit dem Übergang zu einer kohlenstoffärmeren Wirtschaft verbunden sind, neu gewichtet werden. Dadurch soll die Beteiligung an Unternehmen, die vom Übergang zu einer CO2-ärmeren Wirtschaft profitieren, erhöht werden. Gleichzeitig soll die Beteiligung an Unternehmen, die den mit dem Übergang verbundenen Risiken ausgesetzt sind, verringert werden.

Zusätzlich gelten Werte-basierte Ausschlusskriterien (vgl. Ausschlusskriterien).

Siehe J) in nachfolgender Tabelle

 

Ausschlusskriterien (Negativkriterien)

Die nachfolgende Tabelle (hier als PDF) enthält die Ausschlusskriterien der jeweiligen Indizes inklusive der Umsatzgrenzen, ab denen ein Ausschluss angewendet wird. Das bedeutet zum Beispiel, dass ein Unternehmen erst dann vom Indexanbieter ausgeschlossen wird und letztendlich nicht in einem ETF enthalten ist, sofern es mehr als 5% Umsatz aus dem Abbau von Kohle erzielt.

1) Solactive Eurozone Sustainability Index2) Dow Jones Sustainability Index | 3) MSCI Index Beschreibungen und Kriterien | 4) MSCI Low Carbon SRI Leaders Index | 5) MSCI SRI 5% Capped | 6) MSCI SRI Select Reduced Fossil Fuels | 7) MSCI World Select ESG Rating and Trend Leaders | 8) MSCI Climate Change Index

 

Ergebnis

Auf faire-fonds.info analysieren wir die Portfolios der Fonds nach einer Reihe von unterschiedlichen Kriterien, während die meisten Fonds oder Indizes nur einen oder wenige sozial-ökologische Aspekte berücksichtigen. Mit Blick auf den Klimawandel haben wir z.B. nicht nur die Produzenten von Kohle, Öl oder Gas aufgenommen, sondern auch die größten CO2-Emittenten, die nicht unbedingt selbst Kohle oder Öl fördern, aber in energieintensiven Sektoren aktiv sind. Auf Basis dieser breiteren Analyse können sich Anleger*innen überlegen, ob sie solche Unternehmensbeteiligungen akzeptieren wollen.
Unseren strengen Ansatz (inkl. Kriterien) sehen wir bei passiv gemanagten, indexbasierten Fonds (ETFs) eher nicht erfüllt. Dies ist darauf zurückzuführen, dass die gängigsten (von uns analysierten) nachhaltigen ETFs auf Ausgangsindizes (z.B. MSCI World-Index) basieren, die eine Vielzahl von Branchen und großen Unternehmen mit hohen ESG-Risiken mit einbeziehen. Diese Ausgangsindizes werden „nachhaltig gemacht“, indem Ausschlusskriterien wie z.B. meist ungenügende Umsatzgrenzen (Umsatz aus Waffengeschäft / Gesamtumsatz) oder vergleichenden Ratings (also beste ESG-Ratings je Branche („Best-in-Class“)) angewendet werden. Auch ein vollständiger Ausschluss von Branchen ist je nach Index möglich, beschränkt sich jedoch in der Regel auf wenige sozial-ökologische Aspekte. Eine genauere Analyse der Unternehmen wird nicht mit einbezogen. Aktiv gemanagte Fonds mit Fokus auf Nachhaltigkeit dagegen können – wenn sie es ehrlich meinen – strengere Kriterien bei der Unternehmensauswahl aufweisen.
Es gilt also auch für ETFs: je mehr Ausschlusskriterien (also auch kompletter Ausschluss von Branchen mit hohen ESG-Risiken) ein Index hat, desto breiter werden sozial-ökologische Aspekte berücksichtigt. So ist zum Beispiel der Fonds iShares MSCI World SRI UCITS ETF EUR Acc (Weltweiter Fokus) oder iShares MSCI Europe SRI UCITS ETF Acc (Europa-Fokus) (beide basierend auf dem MSCI SRI Select Reduced Fossil Fuels Index) zumindest in keine Gas-/ Öl-/ Kohlekonzerne sowie keine Rüstungsunternehmen investiert. Somit liegen diese Fonds näher an unserem Nachhaltigkeitsverständnis, auch wenn nicht alle Kriterien (z.B. Emissionen, Plastikverschmutzung durch Fast Moving Consumer Goods Konzerne wie PepsiCo oder Unilever) erfüllt sind.

Sollten Sie also ETFs als Geldanlageinstrument aufgrund der breiten Diversifizierung und niedrigen Kosten bevorzugen, sollten Sie unseres Erachtens die Anlagekriterien des zugrundeliegenden Indexes genau anschauen. Ein Blick in unsere Datenbank kann Aufschluss darüber geben, welche Beteiligungen (Art und Höhe) sich in den Fonds finden.

In Teil 2 nehmen wir die Beteiligungen der analysierten nachhaltigen ETFs genauer unter die Lupe.

 

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